20 | DER FALTER MÄRZ 24 GEDANKEN ZUR ZEIT SCHATZ, DU KANNST DOCH NICHT...! Ein Witz, den ich das erste Mal in der Coronazeit gehört habe, war: Sie „Schatz, Du kannst doch nicht Arbeit mit nach Hause nehmen.“ Er „Warum nicht, Du machst doch auch Homeoffice?“ Sie „Aber Du bist Pathologe!“. Bequem von zu Hause aus arbeiten, am besten noch einen dauerhaften gesetzlichen Anspruch darauf haben, so lautet seit geraumer Zeit manche politische und gesellschaftliche Forderung. Der Winter hatte im Januar mal wieder zugeschlagen, Schulen und Kindergärten waren teils geschlossen. Man könne ja Kinder im Homeoffice betreuen, siehe auch Coronazeit. Was uns also als fortschrittlich in der öffentlichen Meinung verkauft wird, war und ist – wie viele andere Themen – nur eine Mogelpackung. Denn welche Berufsgruppen können das tatsächlich leisten, bzw. hätten etwas davon? Einzelhandel geht nicht, ebenso der gesamte Gesundheits- und Sicherheitsbereich. Baugewerbe, Handwerk, Land- und Forstwirtschaft, produzierendes Gewerbe sind da auch raus. Die Liste könnte man fortsetzen... Steht die Breite der öffentlichen Diskussion im Verhältnis zu den tatsächlich betroffenen Menschen? Gerade bei einem unvorhergesehenen Ereignis, wie den kürzlichen Schulschließungen durch Eisregen, zeigt sich, dass die meisten Menschen andere Lösungsmöglichkeiten suchen müssen. Da ist die Eigenverantwortung und Familie gefragt, wenn man nicht zum Homeoffice-Kreis gehört. Eine weitere Chimäre ist die sogenannte Work-Life-Balance. Anspruch auf Teilzeit, Sabbatical und die obligatorische Weltreise nach dem Abitur privilegierter Kids scheinen die neue Normalität. Junge Menschen berichten tränenreich über die Zumutung, acht Stunden am Tag arbeiten zu müssen. Me-time und persönliche Projekte liegen brach. Das Ganze wird mit schicker, linker Kapitalismuskritik und dem ausbeuterischen Gesellschafts- und Arbeitssystem zum persönlichen Worst-Case-Szenario stilisiert. Andererseits brauchen wir aber eine Vielzahl an finanziellen Hilfen und sozialen Sicherungssystemen, weil Arbeit sich vielfach nicht mehr lohnt. Schuld ist natürlich der böse Arbeitgeber mit der Gier nach Gewinn und nicht der steuerliche Einfallsreichtum der Regierung. Auch hier haben wir ein Relevanzproblem. Die einen wissen nicht mehr wohin mit ihrer Freizeit oder ihrem Geld, während andere selbst als Doppelverdiener, nicht wissen, ob es zum Familienurlaub in diesem Jahr überhaupt reicht. Hamas-Terroristen überfallen wehrlose Menschen, schlachten sie ab und präsentieren die Leichen wie Trophäen. Unsere Gesellschaft, die sonst trunken vor Empathie ist, ergeht sich in massenhafte Relativierung. An der Uni Würzburg und vielen anderen vermeintlich intellektuellen Lehranstalten taucht schlagartig widerlichster Antisemitismus auf. Sämtliche Präventionsprogramme wurden schlagartig obsolet. Denn wer rechnet damit, dass muslimisch geprägter Antisemitismus sich mit linkem Anti-Amerikanismus, Anti-Kapitalismus und Anti-Zionismus verbündet. Selbst queere Aktivisten sprechen Israel das Lebensrecht ab, obwohl sie dort akzeptiert werden würden. Dagegen würden sie in den Hamas-Unterstützer-Ländern der Region getötet werden. Das Mantra von „Nie wieder“ ist angesichts schreiender Mobs verstummt. Hartes Durchgreifen einer wehrhaften Demokratie? Fehlanzeige! Selbst der Bundesbeauftragte gegen Antisemitismus muss einräumen, dass jüdisches Leben in Deutschland nie gefährdeter war seit 1945. Andererseits wurden jüngst aktuelle Proteste unserer Bäuerinnen und Bauern und des Mittelstandes als „Umsturzversuch“ (Zitat Grünen-Wirtschaftsminister) diffamiert. Die Versuche, diese in die rechte Ecke zu drängen durch namhafte Politiker und Medien sind primitivster Populismus. Dass autokratische Verbotsfantasien nicht erfolgreich sein werden, sondern einzig eine Realpolitik mit Maß und Ziel, das hat sich im politischen Bullerbü offenbar noch nicht durchgesetzt. Sogar das Ausland ist verwundert über die Wut in der deutschen Bevölkerung, von der man ja behauptet, sie könnte gar keinen Aufstand gegen die Regierung machen, weil es dafür kein Formular gibt. Es ist jetzt natürlich billig und moralisch überheblich, den Wütenden als moralisch fragwürdig hinzustellen oder gar als dumm, weil er nicht kapiert, um was es eigentlich geht. Die Intoleranz Null-Solidarität, die viele von uns schon in den sogenannten sozialen Medien erschreckte, scheint nun auch angekommen zu sein in der Information und Kommunikation von Politik und Medien, in der Mitte unserer Gesellschaft. Doch was macht es mit uns, wenn wir politisch und medial permanent mit Problemen konfrontiert werden, die nicht wirklich relevant sind für die Mehrheit? Ich spreche hier von Mehrheit, denn eine Demokratie ist eine Mehrheitsherrschaft. Was nicht heißen soll, dass wir uns als Gesellschaft nicht auch um Minderheiten kümmern sollen. Was macht es mit uns, wenn das Leben uns täglich Leistung abverlangt, als Unternehmer, als Arbeiter, als Angestellte, als Väter und Mütter, nicht weil irgendjemand damit uns versklaven will, sondern weil die Natur nur Leben und Überleben kennt und wir trotz aller Hybris ein Teil derselben sind? Zugleich wird Leistung, die oft mit großer persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung einhergeht, abgewertet. Scheinbar kann jeder alles haben, auch ohne persönlich gefordert zu sein. Was macht es mit einem, wenn die persönlichen Ängste, Sorgen, die Sicht auf die Welt von Staat, Kirchen und Aktivisten als moralischer Defekt und falsche Einstellung diskreditiert werden? Was macht es mit uns, wenn nicht mehr das beste Argument zählt, sondern die ständige und laute Wiederholung dessen, was manche gerne als Wirklichkeit hätten? In einer Beziehung würde ich auf Abstand gehen, wenn mich meine Partnerin so missachten würde. Was macht es mit mir, wenn gesetzliche Regelungen meinen Lebensplan, meine finanziellen Möglichkeiten von heute auf morgen zunichtemachen, ohne mir neue gangbare Wege zu zeigen? Ich werde wütend und viele andere auch. Wut gehört zu unserer Gefühlswelt. Sie darf und muss manchmal sein. Dass Wut manchmal auch in blinde Zerstörung führt und immer nur ihre begrenzte Zeit haben darf, das muss ich nicht extra erwähnen. „Wenn Du Wut abbekommst, dann frage Dich, was Du dafür getan hast.“ Diese Frage – ehrlich gestellt – kann vermutlich mehr zum gesellschaftlichen Frieden beitragen als die Pathologisierung und Interpretation der Gefühle Andersdenkender. Mit Hoffnung, Holger Dubowy. Grafik: Holger Dubowy.
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